Die Seele ist ein Zugvogel
sie lebt aus dem Wolkenkoffer

(Katharina Eismann)

 

Nach dem Fest das Fest“

Ein künstlerisch-poetischer Blick über den Tellerrand

 

Rückblende in die rumänische Diktatur. Ein Kirchweihfest in Dolatz im deutsch-rumänischen Banat. Nach dem Fest türmt der Dorfpfarrer mit dem Trachtenzug über die rumänisch-jugoslawische Grenze. Die Fluchtgeschichte inspirierte zum Titel der dieser Wanderausstellung. Erzählt wird sie im „Bordbuch Grenzgänge“, der poetische Ausstellungskatalog.

Schlichte Materialien, haptische Formen prägen den Raum, ein Tisch auf Gleisen gedeckt mit Text vermittelt eine Atmosphäre von Gastfreundschaft. Die Besucher werden nicht überflutet. Sie sind eingeladen am Gleistisch Platz zu nehmen, sich auf die verbindende Kraft der Kunst und Poesie einzulassen, das Gelesene zu vertiefen, ihre eigenen Geschichten zu erzählen.

Ein Tisch aus echten Bahnschwellen, gedeckt mit Kunst, Textzeilen, die nummerierte, chronologische Auszüge aus dem Bordbuch sind, großformatige Bilder fügen diese Ausstellung zu einer Bahnhofsszenerie. Interdisziplinär verbindet sie Design, Poesie und bildende Kunst. Sigrid Katharina Eismann, die Autorin des Bordbuchs, gebürtige Temeswarerin, verwebt autobiographische Haltestellen zu einer lyrischen Landkarte vom Mainbogen bis zur Donaumündung. Die Idee zum Gleistisch hatte Sven Eismann, Tischler und Installationskünstler. Als Grenzgänger ist der gebürtige Frankfurter zwischen Handwerk und Kunst unterwegs. Die großformatigen Gemälde Hagen Bonifers thematisieren die Reise, das Gelebte und Verlassene, die dunklen Seiten der Geschichte. Gleise, leere Räume, schattenhafte Gestalten zeigen sich in den „verletzten“ Bildern, die gealterten Häuserwänden gleichen, von denen der Putz abblättert.

Die Ausstellung wird mit Vorträgen, Klang- und Poesie-Performances zu den Haltestellen aus dem Bordbuch bespielt.

In der postkommunistischen Ära wurden die Gräben kultureller Entfremdung deutlich sichtbar. Beispielhaft stellt die Ausstellung einen Brückenschlag zwischen West und Ost, zwischen der Kultur und Subkultur Offenbachs über den Mainbogen nach Temeswar der Heimatstadt Katharina Eismanns, und bis zur Donaumündung dar. Im Bordbuch kommen Grenzgänger, Marktfrauen, Fratschlerinnen aus Temeswar kommen ebenso zu Wort wie Weltmusiker auf dem Offenbacher Wilhelmsplatz. Heute und gestern sind verwoben. Tabus, Vorurteile, Borniertheiten überwunden, die heute wieder wie Gespenster in Europa spuken.

Nur am Tisch Platz zu nehmen, reicht noch nicht für ein Fest oder eine Verständigung, es ist wie im wahren Leben. Die Ausstellung schafft eine positive Atmosphäre für die Entfaltung der eigenen Kreativität. Dies können die Gespräche der Besucher unter sich sein, aber auch Lesungen, Konzerte, interdisziplinäre Events, experimentelle Kunst, jeweils auf den Ausstellungsort, seine Region abgestimmt. Jede Region der aufgespannten Main-Donau-Brücke sollte etwas beitragen, um den Sinn der Ausstellung zu erfüllen, um - bildhaft - der Kulturbrücke Tragfähigkeit zu verleihen.

Die Ausstellung ist völkerverbindend. Sie thematisiert Sprachen, Brauchtum, Geschichte und Geschichten, Landschaften und Flussläufe. Sie lädt ein, am gemeinsamen Tisch Europas Platz zu nehmen, an der Haltestelle Temeswar, einem Schmelztiegel der Vielfalt.

Chronologie: