Was für ein Fest!

Ehemalige Lenauschüler trafen sich in Temeswar

Ein ungewöhnliches Gefühl: Durch Temeswar zu laufen und überall Bekannte zu treffen. So war das früher mal, aber wer kennt das noch? Für ein paar Tage konnte man es erleben, als sich die ehemaligen Lenauschüler bereits zum zweiten Mal am Originalschauplatz trafen.

Der Verein der Freunde der Lenauschüler als Veranstalter konnte an den Erfolg und die gute Resonanz des Treffens 2010 anknüpfen und so wurde es für alle Beteiligten ein Eintauchen in Nostalgie, aber auch ein freudiges, Tage wie Nächte füllendes Wiedersehen mit alten Freunden und Bekannten.

Zum Auftakt gab es eine Sondervorstellung des Deutschen Staatstheaters für die Teilnehmer am Treffen. Eigentlich war „Cabaret“ vorgesehen, aber aus Dispositionsgründen bot das Theater stattdessen Herta Müllers „Niederungen“ an. Weniger vergnüglich, aber passend zur Stimmung und dem Erlebnishorizont der Anwesenden. Beeindruckend, wie professionell von vorwiegend nichtdeutschen Muttersprachlern hier Theater gemacht wird. Unter der Regie eines alten Bekannten des DSTT, Niky Wolcz, entstand eine dramatische Fassung von Herta Müllers Erzählungen. Das Bühnenbild von Helmut Stürmer wurde mit Videoeinspielungen ergänzt. Neben ambitionierten jungen Schauspielerinnen und Schauspielern war auch die vielen noch bekannte Ida Jarcsek zu sehen und, aus der mittleren Generation, die ehemalige Lenauschülerin Isolde Cobet, die sich mit der Jugendtheatergruppe NiL um den schauspielerischen Nachwuchs in Temeswar verdient gemacht hat. Beim Festakt am Freitag Vormittag bot NiL deshalb auch einen beachtlichen Einblick in sein Repertoire. Doch auch die Tanzgruppe der Lenauschule (geleitet von Brigitte Szokob) und die „Lenau-Band“ sorgten zwischen den festlichen Worten für Abwechslung. Letztere übrigens nicht nur mit der Lenauhymne  „Trutz euch“, inspiriert von dem allgegenwärtigen Lenau-Zitat im Eingangsbereich der Schule, sondern auch mit  „Atemlos“.

FestredeLaukDoch selbstverständlich gab es auch ernste Worte aus Anlass der Feier, denn die Anwesenden einte außer gemeinsamer Vergangenheit auch die Sorge um die Zukunft der Lenauschule. Diese stand als Gebäude für den Festakt nicht zur Verfügung, weil  sie nach langen Kämpfen und Rückschlägen nun doch endlich renoviert wird. Im Moment ist der Schulbetrieb dadurch sehr eingeschränkt und ob der Zeitplan bis zum Jahresende eingehalten werden kann, steht in den Sternen. So ging es auch mehr um den ideellen Wert der Schule. Der deutsche Botschafter in Bukarest Werner Hans Lauk erwies sich als Kenner und Förderer der Lenauschule, der er auch aus Sicht der Bundesrepublik einen hervorragenden Ruf bescheinigte. Ovidiu Gant, ehemaliger Direktor der Lenauschule und jetzt Abgeordneter für die deutsche Minderheit im rumänischen Parlament, zeigte sich dagegen besorgt über die Lage der Schule angesichts des Mangels an Lehrern, die in deutscher Sprache unterrichten können. Es fehle an einer Fachlehrerausbildung in deutscher Sprache, die angesichts ständig steigender Schülerzahlen (derzeit sieben Klassenzüge in der ersten und zweiten Klasse!) dringend erforderlich wäre. Als Gast aus der Partnerstadt Karlsruhe war Stadtrat Tom Hoyen nach Temeswar gekommen, der auch die Europäische Schule in Karlsruhe leitet und launige Grüße überbrachte. Alt-OB und ehemaliger Lenauschüler George Ciuhandu sprach als Freund und Förderer der Lenauschule  und als Großvater von Lenauschülern ebenfalls aktuelle Probleme an.

FestredeBonfertEinen Höhepunkt bildete die Festrede der ehemaligen Mathematiklehrerin Barbara Bonfert. Eine „Institution“, den Anwesenden gut bekannt, war sie doch 35 Jahre lang, von 1952 bis 1987 an der Schule tätig. Mit ihren humorvollen Erinnerungen   beschwor sie die „große Familie der Lenauschüler“, die sie auch im Nachhinein immer wieder erleben würde. Dazu gehörten nicht nur Lehrer und Schüler, sondern alle, die auch in schwierigen Zeiten zum Funktionieren dieser Gemeinschaft beigetragen haben: Elternhäuser, Techniker, Sekretariat, Hilfskräfte in Labors, Pförtner und nicht zuletzt die Kantine, die für das leibliche Wohl der Schüler gesorgt hat. Nur so konnten in der Schule Traditionen geschaffen werden, die über den Schulalltag hinausgingen, „Festtage“. Dieses Treffen sah sie als Fortsetzung der Festtage über die Schulzeit hinaus und begrüßte das Interesse der Teilnehmer an ihrer alten Schule.

Nachdem Direktorin Heli Wolf noch einige aktuelle Bilder der ausgelagerten Lenauschul-Depandancen gezeigt und Franz Quint den Verein der Freunde der Lenauschule vorgestellt hatte, kam es zur Verleihung des diesjährigen Elsa-Lucia-KapplerKappler-Preises. Stifter Prof. Günter Kappler hatte außer seinem Bruder auch Vertreter   der nächsten Kappler-Generation mitgebracht und so war es auch Christoph Kappler, der die Preise verlieh. Insgesamt hatten 19 Schüler der 10. Und 12. Klassen teilgenommen, aus jedem Jahrgang wurden drei ausgezeichnet. In Klasse 10 waren das Dominique Heidenfelder (1. Platz), Alexandra Nesici  (2. Platz) und Tudor Popoiu (3. Platz). In Klasse 12 gewannen Ioana Berariu  (1. Platz), Oxana Grosseck (2. Platz) und Miruna Popa (3. Platz). Auch die 11 betreuenden Lehrkräfte wurden für ihr Engagement  gewürdigt. Als kleines Trostpflaster, weil der Festakt nicht in der Schule stattfinden konnte, bot Heli Wolf den Anwesenden die Möglichkeit einer Baustellenbesichtigung an. Diese erwies sich als besonders aufregend, weil sie im Gegensatz zu einer fertig eingerichteten Schule der nostalgischen Erinnerung  breiten Spielraum bot.

EismannDer Höhepunkt des Treffens fand am Samstag mit der eigentlichen Feier im Adam-Müller-Guttenbrunn-Haus statt, wo sich alle nach Herzenslust austauschen und in Erinnerungen schwelgen konnten. In einem Nebenraum konnte man die Lyrikerin und ehemalige Lenauschülerin Sigrid Katharina Eismann bei ihrer vergnüglichen  „Tuchfühlung mit Temeswar“ begleiten.

Den kulinarischen Rahmen bot ein traditionelles Buffet mit den Spezialitäten der Kindheit. Nach weiteren Auftritten von  NiL-Schauspielern wurde das musikalische Rahmenprogramm vorwiegend von der  jungen Musikergruppe „Peregrinii“ gestaltet, die sich der Pflege historischen Liedrepertoires verschrieben hat, um damit die Geschichte Temeswars zu erzählen. Doch die Pilger zwischen den Zeiten  beherrschen auch Töne aus der jüngeren Geschichte und erfreuten die Zuhörerschaft mit dem einen oder anderen „Phoenix“-Hit als Zugabe.

Selbstverständlich konnte auch diesmal wieder in alter Lenau-Disco-Tradition das Tanzbein geschwungen Tanzenwerden, bis die Lichter ausgingen. Einige der „runden“ und „halbrunden“ Absolventenjahrgänge hatten sich bereits am Abend zuvor „intern“ getroffen und überhaupt waren alle Lokale der Innenstadt die ganzen Tage über bis spät nachts von größeren und kleineren Lenau-Gruppen belagert. Man hatte sich was zu erzählen in der Lenau-Familie. Und man hat sich sicher nicht zum letzten Mal gesehen in diesem oder einem ähnlich festlichen Rahmen.

Halrun Reinholz
(Banater Post, Jg. 59, Nr. 16, 20.08.2015, S.17)
 

Presseecho

Bericht in der ADZ vom 10.06.2015

Sendung in deutscher Sprache des rum. Fernsehens TVR1, "Akzente" vom 9.07.2015

Sendung in deutscher Sprache von Radio Temeswar vom 8.06.2015

Sendung in deutscher Sprache von Radio Temeswar vom 10.06.2015 (Lesung Kathrina Eismann)

Sendung in deutscher Sprache von Radio Temeswar (Interview Tom Hoyem)

Fotos

Fotos vom Lenautreffen

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