Geschichten über den Kater Steckzwiebel und andere Begebenheiten

Der Festsaal der Lenauschule in Temeswar verwandelte sich Ende März für drei Tage in ein Auditorium und Bühne für einen lyrisch-politisch-literarischen Austausch der Lenauschüler mit der bekannten rumänischen Dichterin Ana Blandiana. Blandiana, die 1942 in der Fabrikstadt in Temeswar geboren ist und im Haus ihrer aus dem Dorf Murani bei Bruckenau umgesiedelten Großeltern für einige Jahre ihre Kindheit verbrachte, fühlt sich seit je der Banater Hauptstadt verbunden.

Ana BlandianaNicht nur, dass sie nach dem Umzug nach Großwardein ihre bis 1978 in Temeswar lebenden Großeltern (die zusammen mit dem Vater Gheorghe Coman auf dem Fabrikstätter Friedhof begraben sind) immer wieder besuchte, nein, sie gehörte später auch zu den Befürwortern der “Proklamation von Temeswar”, die nach der Revolution von 1989 von Bürgerrechtlern der Stadt aufgestellt wurde. Ihre Rückkehr nach einer langen Abwesenheit in die Stadt ihrer Kindheit gestaltete sich deswegen nach etwa fünf Jahren Abwesenheit zu einem Großereignis.

Die Lenauschule mit ihrer Leiterin Helene Wolf und den Lehrkräften Dorina Ciuhandu, Codruța Pop, Florinela Savescu, Mirela Schwartzkopf, Tatiana Krista, Dorina Semeniuc und Lorette Cherăscu von Rumänisch, Deutsch und Geschichte hatten eine perfekte Organisation des Besuchs in die Wege geleitet: Am Donnerstag traf Ana Blandiana im Festsaal eine Gruppe von Schüler des Gymnasiums der Klassen 5-8. Das Thema war: „Warum schreiben wir? Wie schreiben wir?“ Die Schüler hatten Schautafeln mit Zeichnungen und Versen von Ana Blandiana ausgestellt. Viele kannten besonders die Kinderbücher Blandianas über die Geschichten mit Kater Steckzwiebel (Arpagic), die bereits im Kommunismus für große Furore gesorgt haben. Das erste Kinderbuch „Geschehnisse aus meinem Garten“ von 1980 erhielt den Preis der Kinderliteratur des Rumänischen Schriftstellerverbandes. 1988 nach der Veröffentlichung des zweiten Kinderbuchs „Geschehnisse auf meiner Straße“, wurde der Held des Kinderbuches, Kater Steckzwiebel, (Arpagic) von den Lesern als das genaue Abbild des Diktators gesehen. Das Buch erschien in einer Auflage von etwa 100.000 Exemplaren und wurde jedoch bald auf Anweisung von „höchster Stelle“ aus den Buchhandlungen entfernt. In einem Interview sagte Blandiana später: „Nie hatte ich daran gedacht, dass jemand denken könnte, ich betreibe Spott mit der Person von Ceaușescu in Form eines Katers Steckzwiebel, dem die Berühmtheit zu Kopf gestiegen war. Der große Verdienst jenes großen Skandals ist jedenfalls nicht meiner, sondern entstand aus der Verzweiflung der Leser des Buches, die so groß war, dass sie jede Kleinigkeit bemerkten. Sie entdeckten auch Dinge, die es nicht gab. … Ceaușescu erhielt da den Namen Steckzwiebel (Arpagic).“

PlakatEs folgten weitere Geschichten über den Bilderbuch-Kater, die gerne gelesen und auch gehört werden, da es mittlerweile auch eine Hörkassettte (Humanitas) über die Katzengeschichten gibt. In den Temeswarer Buchhandlungen jedenfalls war das Buch nach den Begegnungen der Autorin mit ihren Lesern ausverkauft. Die Schüler der Lenauschule stellten aber auch Fragen zu den Gedichten, Essays und ihrer politischen Implikation bei der Bürgerakademie. Ana Blandiana und Katharina Kilzer lasen Gedichte vor aus dem 2018 veröffentlichten bilingualen Gedichtband „Geschlossene Kirchen“ (Hg. Katharina Kilzer) in der Übertragung ins Deutsche von Maria Herlo, Katharina Kilzer und Horst Samson. Auf eine Frage nach ihrem Lieblingsgedicht antwortete die Autorin mit der Lektüre des Gedichts „Erinnerst Du Dich an den Strand“ (Iti amintesti plaja) zuert im Gedichtband „Oktober, November, Dezember“, 1977, erschienen. Das Motiv des Erinnerns, des Traumes sind zentrale Themen ihrer Gedichte. Die deutsche Version wurde den Schülern von Katharina Kilzer vorgetragen. Einige Schüler, wie Natalia Namoloiu lasen eigene Gedichte vor und Isabella Prodan , Natalia Asultani-Hansmann u.a. führten Diskurse.

Der zweite Tag stand im Zeichen der Schüler des Lyzeums der Klassen 9-12 (bei uns Gymnasium), die das Thema: „Schreiben als Form der Resistenz“ vorgegeben hatten. . An aufgestellten Tischen saßen die „Großen“ diesmal und hörten aufmerksam der Dichterin Blandiana zu. Die Veranstaltung wurde eröffnet von Literatur-Lehrerin Dorina Ciuhandu, die zusammen mit den Schülern eine Tonaufnahme mit Stimmen der Lehrer, Schüler, Eltern, Großeltern von der Lenauschule, die erzählten, welche Rolle Ana Blandiana und ihre Bücher in ihrem Leben gespielt haben. An den Wänden des Festsaals hatten die Schüler Collagen mit Auszügen aus den Büchern, Gedichten und Prosabüchern der Dichterin auf Leinen aufgehängt, die über den Köpfen der Schüler schwebten. Nach der Lesung von Ana Blandiana und Katharina Kilzer stellten die Schüler Fragen. Ein Schüler,der Mitglied einer Theatergruppe ist, Radu Trică, trug das Gedicht Blandianas vor: „Mamă“. Diese war beeindruckt und erzählte mit Begeisterung über ihre literarisches Schaffen, ihr Leben und welchen Einfluss Politik und „Schreiben als eine Form der Resistenz“ darin spielte.

Ana BlandianaDas Gedicht „Alles“ (Totul), eine Aneinanderreihung von Begriffen im Kommunismus, wurde Zeile für Zeile erklärt: Was im Kommunismus Begriffe fürs tägliche Überleben bedeuteten, wie „Fähnchen schwenken“, „Ersatzkaffee“, „Einkaufsschlangen“, „Samstagsabendfilm“, mit Gasflaschen betriebene Autos usw. - für die heutige Generation nicht mehr nachvollziehbar. Aber Erinnerung ist wichtig und so erzählte die Dichterin den Schülern Begebenheiten aus dem kommunistischen Alltag, die ihr als Inspiration für ihre Poesie dienten: Ana Blandiana stand unter Beobachtung der Securitate. Als im Dezember 1984 ihre Gedichte in der Zeitschrift „Amfiteatru“ erschienen („Ich glaube“ (Eu cred), „Kinderkreuzzug“ (Cruciada copiilor), „Wir Pflanzen“ (Noi, plantele), „Alles“ (Totul), erhielt die Autorin sofort Publikationsverbot und die Mitarbeiter der Zeitschrift wurden entlassen. Die Gedichte verbreiteten sich jedoch per Handschrift oder Xerox-Kopien. Es war das erste literarische Samisdat Rumäniens. Diese Gedichte begründeten im westlichen Ausland durch eine Veröffentlichung in der britischen Zeitung „Independent“ (18. Februar 1989) die Rolle Blandianas als Mahnerin wider die politische Suppression in ihrem Land.

Die Begegnung in der Lenauschule zwischen Schüler-Dichter endete mit einer Überraschung: Luca Dragu und Cătălina Ciortea sangen ein eigen komponiertes Lied nach dem Gedicht „Ohne eine Geste“ (Fără un gest) von Ana Blandiana. Mit viel Zustimmung und Applaus endete dieser Tag in der Schule, der sich dann Samstag Abend bei einer Filmvorführung und Diskussion über die Gedenkstätte - Memorial Sighet – für die Opfer des Kommunismus und kommunistischen Widerstands in Sighet fortsetzte.

Donnerstag hielt Ana Blandiana an der West-Universität Temeswar eine Lesung zu „Ein Europa der zwei Geschwindigkeiten“ vor einem großen Auditorium. Freitag folgte eine Buchvorstellung in der Buchhandlung Humanitas in der Prinz-Savoyen-Straße neben dem Domplatz, wo mehr als 150 Gäste versuchten, die Dichterin zu hören und zu einem Autogramm in ihrem neuen Gedichtband „Variationen zu einem gegebenen Thema“ (Variatiuni pe o tema data) zu bitten, das zur Zeit in Rumänien ein Best-seller ist. Bereits die zweite Auflage ist ausverkauft. Auch in den Temeswarer Buchhandlungen waren die Bücher der Autorin in diesen Tagen ausverkauft. Die Lehrerinnen der Lenauschule nannten den Besuch Blandianas „ein Gedicht“, dem wir noch weitere Strophen hinzufügen möchten.

Kathrin Kilzer

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