Lenau-Boss und Dia-Künstler

Ein Nachruf auf Erich Pfaff

Er hat die Lenauschule der Nachkriegszeit geprägt und durch seine Dia-Vorträge dem deutschen Bildungswesen im Banat Akzente verliehen. Nach einem aktiven Leben ist Erich Pfaff im Alter von 81 Jahren verstorben.

Erich PfaffZu seinem 80. Geburtstag hat der langjährige Erdkundelehrer sich und seiner treuen Fan-Gemeinde noch ein Geschenk gemacht: Mit einer „letzten Geographie-Stunde“ ging er auf Tournee und zeigte als „Dia-Dinosaurier“, wie er sich selbstironisch nannte, Bilder, die er auf seinen Reisen und Streifzügen fotografiert hatte. Alle ehemaligen Lenauschüler wissen, dass eine Geographie-Stunde bei „Boss“ kein herkömmlicher Unterricht war, sondern eine Flucht aus dem normierten sozialistischen Alltag in eine bunte Bilderwelt. Das hatte sich auch bei den Eltern und Großeltern der Lenauschüler herumgesprochen, die zahlreich erschienen, als Boss seine „Geographie-Stunden“ als Volkshochschul-Vorträge aus der Schule hinaustrug. Unermesslich war sein Bilderfundus, den er bei jeder sich bietenden Gelegenheit um Fundstücke aus dem Alltag erweiterte. Unerklärlich, wie er ohne Archiv und Datenbank stets die passenden Dias fand. Unerschöpflich sein Gedächtnis, in dem er Namen und Daten von Generationen von Lenauschülern abrufbar gespeichert hatte, um sie bei 20- oder 30jährigen Klassentreffen selbstverständlich passend zum Besten zu geben.

Von 1971 bis 1992 prägte Erich Pfaff die Temeswarer Lenauschule als Direktor – mit einer kurzen Unterbrechung zwischen 1986 und 1989, wo er abgesetzt und damit „einfacher“ Geographielehrer war. Davor war er bereits fünf Jahre lang stellvertretender Direktor am Josefstädter Lyzeum gewesen, dessen deutsche Abteilung 1971 mit der des Lyzeums Nr. 2 zum deutschsprachigen Lenau-Lyzeum verschmolz. Und bereits 1953-1958 hatte er als junger Lehrer am „Deutschen Lyzeum“ unterrichtet. Viele Generationen von Schülern sind es, die ihn als Erdkundelehrer, etliche, die ihn als „Boss“ erlebten. Die Anrede trug er mit Stolz, als ein Markenzeichen, das die Mischung aus Nähe und Distanz in einem rigiden, von staatlichen Zwängen geprägten Schulalltag markierte. Den „Titel“ hatte er sich auf seinen Ausflügen erworben, in denen er Jahr für Jahr unzähligen Schülern lebendige Geographie und soziale Verbundenheit wohltuend unkonventionell vermittelte. Außerschulische Schwerpunkte wie die Lenau-Disco im poppig gestalteten „Club“ oder Ereignisse wie der Kukuruz- und der Schrazenball sorgten für das Wir-Gefühl der Lenau-Gemeinschaft. Dass an der von Boss gern heraufbeschworenen „Lenau-Familie“ etwas dran ist, zeigte sich spätestens, als  2008 ehemalige Lenauschüler den Verein der Freunde der Lenauschule gründeten, um Projekte in der heutigen Schule zu unterstützen. Erich Pfaff wurde selbstverständlich Ehrenvorsitzender.

Außerhalb der Schule war der Vortragskünstler vor allem den zahlreichen, meist älteren, Hörerinnen und Hörern der deutschsprachigen Volkshochschul-Reihe bekannt, die er bereits 1968 ins Leben gerufen hatte. Zunächst hielt er monatlich, später zweiwöchentlich, ab 1972 schließlich wöchentlich Vorträge über Literatur, Musik, Architektur, Geographie, Lokalgeschichte oder Naturwissenschaften. Wegen des großen Interesses wurden die Vorträge ab 1973 an zwei Terminen in der Woche und ab 1974 zeitweise sogar viermal wöchentlich wiederholt. Die Vorträge waren ihm so in Leib und Blut übergegangen, dass er diesem Hobby auch treu blieb, als er 1992 nach Deutschland übersiedelte und sich in Herford niederließ. Volkshochschulen und Seniorenheime boten ihm auch hier ein Forum für immer wieder neue Themen. 2008 besuchte er mit einer Vortragsreihe (in rumänischer Sprache) seine alte Wirkungsstätte Temeswar. Bürgermeister George Ciuhandu, ehemaliger Lenauschüler, verlieh ihm bei dieser Gelegenheit eine Ehrenurkunde für seine Verdienste als Botschafter seiner Heimatstadt in der Welt.

Eine der letzten Kostproben seiner Vortragskunst bot Erich Pfaff im Herbst 2009 beim Lenautreffen in Neusäß, wo zahlreiche „Fans“ dicht gedrängt seiner nach wie vor lauten Stimme unverstärkt lauschen konnten. Nach einem Schlaganfall und mehreren Herzoperationen bewegte sich der „Boss“ seit Jahren mit Hilfe eines Rollators („mein Krumpirn-Porsche“) fort, was seiner Mobilität jedoch lange keinen Abbruch tat. Eine schwere Erkrankung zwang ihn Anfang dieses Jahres in die Knie und ließ seine „Abschiedstournee“ zum 80. Geburtstag tatsächlich zum Abschied werden. Die Annehmlichkeiten des Banater Seniorenheims in Ingolstadt konnte Erich Pfaff nur kurz genießen, er verstarb dort am 20. Juni 2011. Der Verein der Freunde der Lenauschule wird dafür sorgen, dass das Vermächtnis seines Ehrenvorsitzenden  in der „Lenau-Familie“ lebendig bleibt.

24. Juni 2011

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